In einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der beruflicher Erfolg stark mit dem Selbstwert verknüpft ist, lohnt es sich zu verstehen, welche inneren Mechanismen unsere Einschätzung von Erfolgschancen beeinflussen – und wie wir diese aktiv gestalten können.
Die Bewertung eigener Erfolge oder Misserfolge wirkt sich wesentlich darauf aus, wie du deine Fähigkeiten auch künftig einschätzt. Das hat direkte Konsequenzen für Motivation, Selbstwirksamkeit und Leistungsbereitschaft im Job. Eine zentrale Rolle spielt dabei der sogenannte Locus of Control (LOC) – also Deine Überzeugung darüber, wer oder was Kontrolle über Ereignisse in Deinem Leben hat.
Der LOC kann dir helfen, deine Einschätzungen realistisch einzuordnen und gleichzeitig als Werkzeug dienen, um Motivation und Selbstwirksamkeit gezielt zu stärken.
Was ist der Locus of Control?
In der psychologischen Forschung, als auch bei der Kategorisierung von Persönlichkeitsmerkmalen wird der LOC meist in ein Spektrum zwischen zwei Bereichen geteilt. Dieses reicht vom internalen zum externale Locus. Tendenziell gibt es zwei Richtungen, in denen du dich verorten kannst. Siehst du dich selbst eher in der Kontrolle über die Dinge, die in deinem Leben passieren, dann liegt dein Locus eher internal. Empfindest du dich den Ereignissen in deinem Leben eher ausgeliefert und hast in deinen Augen keinen Änderungsspielraum ist dein Locus eher external zu verorten. Zahlreiche Studien [1-6] zeigen, dass ein internaler Locus merkliche positive Effekte auf Bereiche wie Arbeitsmotivation, Selbstwirksamkeit, Leistung, Stressbewältigung und Jobzufriedenheit hat.
Für situative Beschreibungen, lässt sich der LOC in drei Bereiche mit je zwei Facetten unterteilen, die wie folgt aussehen:
- Internal vs. External – Bestimme ich mein Schicksal oder bestimmt mein Schicksal mich?
- Internal: Du schreibst Erfolge oder Misserfolge deinen eigenen Fähigkeiten, deiner Anstrengung oder Motivation zu.
- External: Du machst äußere Einflüsse wie Glück, Pech oder das Verhalten anderer verantwortlich.
- Stabil vs. Variabel – Dauerhafte Ursache oder momentane Situation?
- Stabil: Die Ursache ist dauerhaft (z. B. Talent oder eine Führungskraft).
- Variabel: Die Ursache ist veränderbar und situationsabhängig (z. B. Vorbereitung, Müdigkeit oder Stress).
- Kontrollierbar vs. Unkontrollierbar – Kann ich eingreifen - oder nicht?
- Kontrollierbar: Du kannst etwas verändern, z. B. durch besseres Zeitmanagement oder Übung.
- Unkontrollierbar: Die Ursache liegt außerhalb deines Einflusses (z. B. das Wetter oder bestimmte Entscheidungen Dritter).
Hier ein kurzes Beispiel:
Nehmen wir an, du arbeitest an einem Projekt im Team und ihr schafft es nicht, die Deadline einzuhalten.
Beispiel 1: Du hast diesmal dein Zeitmanagement nicht optimal gestaltet. Sonst ist das eine deiner Stärken, aber in der letzten Woche war sehr viel zu tun und du hast dich zeitlich verschätzt.
Ursache Zeitmanagement: internal, variabel, kontrollierbar
Beispiel 2: Deine Teammitglieder haben ihren Teil der Aufgabe nicht rechtzeitig erledigt, sodass das Projekt nicht bis zur Deadline fertig geworden ist.
Ursache Teammitglieder: external, variabel, unkontrollierbar
Unsere Wahrnehmungsverzerrung von Kontrolle
Unsere Einschätzung über die eigene Kontrolle von Erfolgen und Niederlagen weicht meist deutlich von der Realität ab. Zwei klare Tendenzen - insbesondere bei Misserfolgen - sehen wie folgt aus:
Übermäßige Selbstverantwortung: Bei jeder Niederlage denkst du, du bist einfach nicht fähig genug und wirst es auch nie sein (internal, stabil, unkontrollierbar).
Nicht jedes Scheitern ist nur auf Deine Fähigkeit oder Veranlagung zurückzuführen. Überlege Dir nach einer Niederlage, ob innere Umstände, wie Dein körperlicher und mentaler Zustand Einfluss haben können, statt Dich selbst zu verurteilen. Hast Du zu wenig geschlafen, warst Du überlastet oder von privaten Konflikten abgelenkt? Ebenso können externale Faktoren eine Rolle spielen, wie bestimmte Rahmenbedingungen oder Personen.
Vollständige Externalisierung: Du glaubst, äußere Umstände oder andere Menschen verhindern deinen Erfolg, und du seist machtlos (external, stabil, unkontrollierbar).
Die Überzeugung, keine Macht über eigene Niederlagen zu haben ist unangenehm, schützt dich jedoch gleichzeitig vor einer Konfrontation mit dir selbst: Was hättest du besser machen können? Niemand realisiert gerne, dass die eigene Leistung für einen Erfolg nicht ausreichend war. Gleichzeitig sollten dich Erfolg und Misserfolg nicht definieren, sondern dir lediglich spiegeln, wo dein Entwicklungspotenzial noch Raum für Wachstum lässt und wo du bereits dein erwünschtes Expertiselevel erreicht hast. Versuche ehrlich zu dir zu sein: Was kannst du verändern, kontrollieren oder verbessern, um beim nächsten Mal ein besseres Ergebnis zu erzielen? Welche Umstände sind wirklich außerhalb deines Handlungsspielraums und wie kannst du dich am besten auf diese vorbereiten? Nur du allein hast die Möglichkeit etwas zu verändern.
Was bringt Dir das Wissen über Deine Kontrollüberzeugung?
Wie bereits zu Beginn erwähnt wird in der Psychologie meist zwischen dem internalen und dem externalen LOC unterschieden. Diese Form der Einstellung bzw. des Merkmals wirkt sich auf unterschiedliche Bereiche im Arbeitsleben aus.
Mit einem internalen Locus profitierst du von dem Gefühl der Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit. Ein hohes Gefühl von Selbstwirksamkeit, wie auch ein internaler LOC unterstützen dich dabei negative Folgen von Stress zu reduzieren bzw. Stress selbst zu mindern und sind insbesondere in Kombination sehr wirksam [1] [5]. Außerdem besteht ein positiver Zusammenhang zwischen internalem LOC und Arbeitszufriedenheit und -leistung. Das bedeutet je stärker dein internaler LOC, desto höher sind deine Arbeitsleistung und deine Arbeitszufriedenheit [3] [4].
Demgegenüber steht der externale Locus: Häufig wird dieser von einem geringeren Selbstwirksamkeitsgefühl begleitet, sowie einem größeren Eindruck der Hilflosigkeit. Außerdem zeigt sich, dass deine Jobzufriedenheit unter einem externalen LOC leidet [2] [6]. Ebenso können Stresssymptome stärker auftreten, wenn du einen externalen LOC hast [6].
Von der Theorie zur Praxis
Der LOC wird grundsätzlich als ein eher stabiles Persönlichkeitsmerkmal verortet. Dennoch gibt es die Möglichkeit den LOC - insbesondere bei sehr starker Externalisierung - durch gezielte Übungen zu verschieben. Wenn du dich darin wiedererkennst, findest du hier ein paar Übungen:
Reflexion über Erfolge und Handlungen
- Schreibe regelmäßig Situationen auf, in denen du mit deinem Verhalten oder deiner Entscheidung ein Ergebnis beeinflusst hast.
Analysiere: Was genau habe ich getan, das zum Ergebnis beigetragen hat? Dadurch wird der Zusammenhang zwischen eigenem Tun und Wirkung sichtbarer.
Zielsetzung und Selbstverantwortung
- Setze dir kleine, realistische Ziele, die klar messbar sind.
Übung: Dokumentiere, welche Schritte du selbst unternommen hast, um das Ziel zu erreichen. So entsteht ein Gefühl: Mein Handeln macht den Unterschied.
Reframing von Ursachen
- Wenn etwas schiefgeht, übe dich darin, die Situation nicht nur äußeren Umständen zuzuschreiben („Pech“, „die anderen“), sondern auch zu überlegen: Welchen Anteil hatte ich? Was könnte ich nächstes Mal anders machen? Das trainiert, Verantwortung konstruktiv zu übernehmen, ohne in Schuldgefühle zu verfallen.
Selbstwirksamkeit durch Erfahrungslernen
- Suche gezielt Situationen, in denen du dich ausprobieren kannst und kurzfristig Feedback bekommst (z. B. Sportübungen, kleine Projekte, Lernfortschritte).
Wichtig: Erfolgserlebnisse bewusst wahrnehmen und abspeichern.
Rollmodeling & Vorbilder
- Beschäftige dich mit Biografien oder Menschen, die aktiv ihr Schicksal in die Hand nehmen.
Reflektiere: Was machen diese Personen konkret, was auch ich anwenden könnte?
Kognitive Verhaltenstechniken
- Achte auf typische Gedanken wie „Ich kann da eh nichts machen“ und ersetze sie durch: „Was liegt in meinem Einflussbereich?“
Übung: Schreibe drei Dinge auf, die heute in deinem Einflussbereich liegen, und setze mindestens eines davon aktiv um.
Was ist wichtig für Dich?
Nicht jeder Misserfolg ist ein Beweis mangelnder Kompetenz. Lerne, Ursachen differenziert zu analysieren:
- Was kannst du verändern?
- Was liegt außerhalb deiner Kontrolle?
- Wie kannst du dich auf Dinge außerhalb deiner Kontrolle vorbereiten?
- Welche Faktoren sind temporär und nicht grundlegend?
Die Fähigkeit, realistisch zwischen beeinflussbaren und unbeeinflussbaren Faktoren zu unterscheiden, hilft Dir, deine Motivation und Selbstwirksamkeit nachhaltig zu stärken. Denn Veränderung beginnt dort, wo du Verantwortung übernimmst – nicht Schuld.
Quellen
- Grau, R., Salanova, M., & Peiró, J. M. (2001). Moderating effects of self-efficacy on occupational stress. Psychology in Spain, 5(1), 63–74.
- Jain, V. K., Lall, R., McLaughlin, D. G., & Johnson, W. B. (1996). Effects of locus of control, occupational stress, and psychological distress on job satisfaction among nurses. Psychological reports, 78(3 Pt 2), 1256–1258. https://doi.org/10.2466/pr0.1996.78.3c.1256
- Judge, T. A., & Bono, J. E. (2001). Relationship of core self-evaluations traits--self-esteem, generalized self-efficacy, locus of control, and emotional stability--with job satisfaction and job performance: a meta-analysis. The Journal of applied psychology, 86(1), 80–92. https://doi.org/10.1037/0021-9010.86.1.80
- Padmanabhan, S. (2021). The impact of locus of control on workplace stress and job satisfaction: A pilot study on private‑sector employees. Current Research in Behavioral Sciences, 2, Article 100026. https://doi.org/10.1016/j.crbeha.2021.100026
- Rahim, M.A. Relationships of Stress, Locus of Control, and Social Support to Psychiatric Symptoms and Propensity to Leave a Job: A Field Study with Managers. Journal of Business and Psychology 12, 159–174 (1997). https://doi.org/10.1023/A:1025018101302
- Spector, P. E., Cooper, C. L., Sanchez, J. I., O'Driscoll, M., Sparks, K., Bernin, P., ... & Yu, S. (2002). Locus of control and well-being at work: How generalizable are Western findings Academy of Management Journal, 45(2), 453–466. https://doi.org/10.5465/3069359
Autorin
Lara
Lara hat einen Bachelor in Psychologie und ist Praktikantin bei bluquist. Sie erstellt Inhalte im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie.