Meetings reihen sich aneinander, der Kopf ist voll und zwischen Mails, Aufgaben und Deadlines bleibt kaum Raum für echte Pausen. Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie schnell wir im beruflichen Alltag in den Autopiloten rutschen. In genau diesem Kontext wird Achtsamkeit als Ressource zunehmend präsenter und findet Eingang in moderne Arbeitskonzepte wie Führungstrainings oder betriebliche Gesundheitsprogramme.
Doch was genau bedeutet Achtsamkeit im beruflichen Kontext? Warum ist sie mehr als eine Entspannungstechnik – und was macht sie relevant für die Arbeitswelt?
Darüber haben wir mit Carolin Eismann gesprochen. Als Wirtschaftpsychologin ist sie eine langjährige Mitarbeiterin bei bluquist und außerdem eine zertifizierte Lehrerin für Achtsamkeit (MBSR). Basierend auf ihrer praktischen Arbeit und persönlichen Erfahrung gibt sie uns Einblicke, wie Achtsamkeit den Arbeitsalltag bereichern kann.
Die Grundlagen der Achtsamkeitspraxis
„Achtsamkeit bedeutet für mich, zu wissen, wo sich meine Aufmerksamkeit jetzt gerade befindet.“, erklärt Caro im Interview. Sie bezieht sich dabei auf Jon Kabat-Zinn, den Begründer des evidenzbasierten Programms Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), der Achtsamkeit als das absichtsvolle Lenken der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment beschreibt, wobei eine Haltung von Offenheit und Akzeptanz praktiziert wird. [1]
Diese Form der Präsenz unterscheidet sich deutlich vom gewohnten Arbeitsmodus vieler Menschen. Statt von Meeting zu Meeting zu hetzen oder sich im Multitasking zu verlieren, geht es bei Achtsamkeit darum, im Augenblick präsent zu sein. Caro spricht in diesem Zusammenhang vom „Autopiloten“, in dem sich viele Menschen im Berufsalltag befinden: „Wir denken, wir seien aufmerksam, weil wir funktionieren. Aber echtes Gewahrsein bedeutet, auch die körperlichen, emotionalen und mentalen Prozesse bewusst zu registrieren.“
Die positiven Effekte von Achtsamkeit im Beruf
Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen im Berufsleben eine Vielzahl positiver Effekte entfalten können: Sie reduzieren Stress und emotionale Erschöpfung, fördern Arbeitszufriedenheit, verbessern die Aufmerksamkeitssteuerung und stärken die Emotionsregulation – wichtige Kompetenzen für eine gesunde Selbstführung. [2] [3]
Auch Caro beobachtet diese Effekte in ihrer Praxis: „Gerade im Arbeitsalltag hilft mir Achtsamkeit, schneller wahrzunehmen, wann ich an meine Grenzen komme – und mir dann auch die Erlaubnis zu geben, bewusst innezuhalten.“ Achtsamkeit bedeutet also nicht Abschalten oder Produktivitätsverlust, sondern die Fähigkeit, aktiv mit sich selbst und der Situation in Kontakt zu bleiben und dadurch bewusst und reflektiert zu handeln.
Diese Fähigkeit ist insbesondere in Zeiten zunehmender Komplexität und Flexibilität, etwa im Homeoffice, von Bedeutung. Caro beschreibt, wie sich durch regelmäßige Praxis auch die Fähigkeit zur Selbstabgrenzung verändert: „Ich merke früher, wann ich eine Pause brauche oder wann es wichtig ist, Feierabend zu machen. Ich treffe bewusstere Entscheidungen, statt mich treiben zu lassen.“
Die wahre Bedeutung von Achtsamkeit
Ein zentrales Anliegen ist Caro, mit einem häufigen Missverständnis aufzuräumen: „Achtsamkeit ist kein Tool, um noch produktiver zu werden. Es geht nicht darum, mehr leisten zu können, sondern darum, bewusster zu leben – auch im Beruf.“ Diese Haltung ist entscheidend. Denn wenn Achtsamkeit ausschließlich als Mittel zur Effizienzsteigerung betrachtet wird, verliert sie ihren eigentlichen Kern: eine innere Haltung von Präsenz, Selbstfürsorge und Mitgefühl.
Tatsächlich zeigt die Forschung, dass Achtsamkeit dann besonders wirkungsvoll ist, wenn sie nicht instrumentell, sondern als Haltung und Praxis verstanden wird. Sie wirkt nicht, weil sie kurzfristig Stress senkt, sondern weil sie langfristig die Beziehung zur Arbeit und zu sich selbst verändert. [2] [3]
Fazit
Achtsamkeit im Arbeitskontext ist keine Methode zur Optimierung von Leistungsfähigkeit, sondern ein wissenschaftlich fundiertes mentales Training, das Klarheit, Präsenz und emotionale Stabilität fördert. Sie hilft dabei, mit den Herausforderungen des Berufsalltags bewusster umzugehen – und eröffnet Spielräume für gesündere Entscheidungen, stärkere Selbstwahrnehmung und authentischeres Handeln. Wenn dich das Thema interessiert, schau gerne bei unseren weiteren Artikeln rund um Achtsamkeit im Berufsleben vorbei.
Quellen
- Kabat-Zinn, J. (1990). Full catastrophe living: Using the wisdom of your body and mind to face stress, pain, and illness. Delta.
- Hülsheger, U. R., Alberts, H. J. E. M., Feinholdt, A., & Lang, J. W. B. (2013). Benefits of mindfulness at work: The role of mindfulness in emotion regulation and job satisfaction. Journal of Applied Psychology, 98(2), 310–325. https://doi.org/10.1037/a0031313
- Lomas, T., Medina, J. C., Ivtzan, I., Rupprecht, S., Hart, R., & Eiroa-Orosa, F. J. (2017). The impact of mindfulness on well-being and performance in the workplace: An inclusive systematic review of the empirical literature. European Journal of Work and Organizational Psychology, 26(4), 492–513. https://doi.org/10.1080/1359432X.2017.1308924
Autorinnen
Marie
Marie ist Masterstudentin der Psychologie und Praktikantin bei bluquist. Sie erstellt psychologische Inhalte mit Schwerpunkt auf arbeits- und wirtschaftspsychologischen Themen.
Carolin
Carolin ist Wirtschaftspsychologin und zertifizierte Achtsamkeitstrainerin (MBSR) bei bluquist. Sie erstellt psychologische Inhalte und individuelle psychologische Assessments für Kunden.